Selbstdarstellung des Antifaschistischen Ratschlags

Der Antifaschistische Ratschlag entstand im Umbruchswinter 1989. Nach einer spontanen Demonstration gegen einen Burschenschafteraufmarsch in der Marburger Oberstadt beschlossen einige Menschen zusammenzubleiben und zukünftig regelmäßig antifaschistische Arbeit zu leisten. Hintergrund war auch der Zusammenbruch bisheriger linker und antifaschistischer Strukturen in Marburg bzw. die Tatsache, dass die älteste antifaschistische Organisation in Marburg, die Kreisvereinigung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA), in dieser Zeit hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt war.

Anfangs traf man sich wöchentlich in den Räumen des KFZ, später bei der DGB-Arbeitsloseninitiative und schließlich privat. Es blieb bei einem losen Zusammenschluss, der bewusst nicht in eine formelle Organisation umgewandelt wurde. Statt zeitraubender Programmdiskussion wollte man sich lieber der praktischen Aktion widmen. In den folgenden Jahren nahmen die Mitglieder des antifaschistischen Ratschlags an den Veranstaltungen zu Gedenktagen im Zusammenhang mit der faschistischen Diktatur teil, organisierten Veranstaltungen zu verschiedenen Themen (wie „Völkerkunde im Nationalsozialismus“ oder „Schwulenverfolgung im Dritten Reich“), öffentliche Gespräche mit Zeitzeug_innen (mehrfach waren die Widerstandskämpfer_innen Etty und Peter Gingold zu Gast, die Kommunistin Ria Deeg aus Gießen und die Befreiungstheologin Marie Veit traten ebenfalls bei uns auf). Auch Kulturveranstaltungen wie Lesungen mit Texten antifaschistischer Schriftsteller_innen wurden durchgeführt. Einen Schwerpunkt, unter anderen, bildete die Solidarität mit Mumia Abu-Jamal.

Neben dem Verzicht auf ein ausgefeiltes theoretisches Programm charakterisierte den Ratschlag, dass er sich bündnispolitisch bewusst nicht festgelegte. Punktuelle Zusammenarbeit mit dem DGB, kirchlichen Kreisen oder auch autonomen Gruppen war – ausgerichtet am jeweiligen Thema – möglich.

In dieser Weise blieb der antifaschistische Ratschlag ein stabiler Kreis von Unorganisierten mit wechselnder Mitgliedschaft. Wurde Geld gebraucht, legte man zusammen oder veranstaltete eine „Kohlefete“; es gab (und gibt) auch einen Kreis regelmäßiger Spender_innen. Mehr als zehn Jahre konnte der antifaschistische Ratschlag auf diese Weise arbeiten. Der zehnte Gründungstag wurde mit einem Fest in der „Cavete“ am Steinweg begangen. In den darauffolgenden Jahren wurde der antifaschistische Ratschlag vor allem wegen absolvierter Examina und des Wegzugs etlicher Mitglieder empfindlich dezimiert und stellte seine aktive Arbeit ein.

Aufgeschreckt durch die jüngere Entwicklung im Falle des aufgrund eines fragwürdigen Verfahrens zum Tode verurteilten afroamerikanischen Journalisten Mumia Abu-Jamal, haben sich Ende 2010 einige wenige ehemalige und neue dazu gekommene Mitglieder des Antifaschistischen Ratschlags dazu entschlossen, die Arbeit wieder aufzunehmen.